
Es gibt zwei Arten von Perfektionismus. Die eine ist nah am Wahnsinn erbaut. Diese versteckt sich hinter dem Begriff, weil sie die Bewertung und das Resultat fürchtet – wie der Vampir das Tageslicht.
Da wird nichts fertig. Nichts ist gut genug. Varianten und Alternativen bis hinter den Horizont. Und alles eingewickelt in die Lüge von der Perfektion. Es sei nicht gut genug. Es wird nie gut genug. Eigentlich ist es ein Missbrauch des Wortes.
Denn die eigentliche Idee der Perfektion ist atemberaubend und wundervoll. Sie ist das geniale Zusammenspiel aller Details zu einem Resultat, das alles andere in den Schatten stellt. Perfektion definiert immer den Status quo neu. An der echten Perfektion orientieren sich alle anderen.
Wenn ich die Entscheidung habe, zwischen Perfektion oder Vorankommen zu wählen, wähle ich immer das Vorankommen. Das Gute ist schon um vieles besser als alles, was dahinter liegt. Das Gute liegt bei etwa 80 %.
Um die letzten 20 % zu erzielen, wird das Verhältnis von Aufwand und Investition unverhältnismäßig. Hier zerlegt es alle betriebswirtschaftlich gesunden Vorgehensweisen. Denn in Wirklichkeit sind Faktoren wie Aufwand, Ressourcen, Zeit, Manpower, Material und Investition auf der einen Seite und Motivation, Inspiration und Mentalität auf der anderen Seite ein wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen Betrachtung.
Dauert etwas deutlich zu lange, wird der Aufwand viel zu groß, dann kippen alle KPIs, die eine gesunde betriebswirtschaftliche Betrachtung und Bewertung überhaupt möglich machen.
Zum gemeinsamen Erfolg gehört eben deutlich mehr als Wahnsinn. Es ist der Sinn.
Darum bevorzuge ich immer eine gute Idee heute, als eine perfekte morgen.

Es hat sich leider eingeschlichen, dass Kritik – ob konstruktiv oder destruktiv – immer mehr Aufmerksamkeit bekommt als Anerkennung, Zustimmung und Lob. Das hat leider zur Folge, dass, egal wie gut eine Idee ist, diese sich brutal erwehren muss. Dass sie sich in einem erbarmungslosen Kampf verteidigen muss.
Was man von den Bedenken, Einwänden und Kritiken nicht behaupten kann. Da genügt ein einfaches „Das ist es nicht!“ und alle denken übereinstimmend: „Das ist es nicht!“ Niemand würde Bedenken so auf die Probe stellen und herausfordern wie eine Idee. Die steht nackt, wehrlos vor allen anderen.
Was es Ideen ungemein schwerer macht, sich durchzusetzen. Egal wie gut sie sind. Somit scheitern Ideen am Ego von Menschen, nicht an der Idee selbst. Ideen scheitern an destruktiven Gruppendynamiken. Was mich als Kreativer daran immer gestört hat, ist der Umstand, dass es gute Ideen nicht wie Sand am Meer gibt. Im Gegensatz zu unbegründeten Einwänden und Bedenken. Ideen sind kostbar. Vor allem gute Ideen. Denn diese erzielen die gewünschte Wirkung.
Das ist dem Ego leider egal, aber allen anderen sollte das bewusst sein.

Es fällt auf, dass sich viele lange mit demselben Problem beschäftigen. Das Interesse an einer unbekannten Lösung ist nicht so groß wie die Befürchtung, sein bekanntes Problem zu verlieren. Die Identifikation mit dem Problem ist stärker. Was wäre man ohne das Problem? Darum haben es Lösungen so schwer.
Die Problemkultur in Unternehmen wird auch dadurch gut sichtbar, wenn man Meetings verfolgt. Das größte Problem kommt immer als erstes dran. Nicht die beste Lösung. Stehen zwei Mitarbeiter vor dem Büro des CEOs. Der eine sagt: Wir haben ein großes Problem. Der andere sagt: Wir haben eine gute Lösung. Jetzt raten Sie mal, wer als erstes ins Büro gerufen wird.
Das Bewältigen und Bekämpfen von Problemen ist das zentrale Denken und Handeln in Unternehmen. So wie im Leben. Für viele Menschen bedeutet Leben das Bewältigen von Problemen. Somit stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Mentalität. Wenn Probleme den Vorzug vor Lösungen bekommen – wen wundert dann noch irgendetwas?
Wenn die Aufmerksamkeit sich an der Größe des Problems orientiert, anstatt an der Chance der Lösung. Wenn Menschen nur Applaus, Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie sich um ein möglichst großes Problem kümmern?
Ich habe beim Motorradfahren gelernt, dass man ans Ende der Kurve, den Ausgang – da, wo man hin will – schauen soll. Nicht in die Kurve. Der Körper macht dann automatisch alles von selbst richtig. Funktioniert auch beim Kellner-Trick. Wenn man vier randvolle Tassen oder Gläser auf einem Tablett trägt und dabei den Blick auf das Tablett richtet, damit nichts überläuft, dann läuft alles über. Wenn man aber nicht hinschaut, dann läuft nichts über.
Diese Analogien zeigen, dass es eventuell von Vorteil ist, die Blickrichtung dahin zu richten, wo man hin will. Die Gedanken, Ideen, Aufgaben folgen dann automatisch. Das ist keine Garantie, dass man am Ziel ankommt, aber die Wahrscheinlichkeit ist deutlich höher.