Gedanke

Man kann beobachten, dass es eine Bewegung hin zu den analogen Dingen aus der Vergangenheit gibt. Hinzu kommt Vintage-Mode, Design, Produkte aus einer Zeit weit vor der Digitalisierung. Und gleichzeitig auch eine Bewegung zu Temu und ähnlichen Anbietern. Und wer glaubt, das sind unterschiedliche Zielgruppen, der täuscht sich. Es sind oft dieselben Personen. Die zum einen die sogenannten guten Zeiten wieder aufleben lassen und sich gleichzeitig an den Billigangeboten aus Asien einen Ast abfreuen. Klingt komisch, ist aber so.

Mein Gedanke ist, dass das eine das andere bedingt. Wenn man Dinge konsumiert, deren Material keinen Wert für einen darstellt und von denen man auch nichts erwartet, weil sie so unglaublich billig sind, dann ist man glücklich, so günstig etwas gekauft zu haben. Aber es fehlt einem das Gefühl, etwas von Wert erstanden zu haben. Etwas, das einen länger glücklich macht als nur beim Auspacken.

Es entsteht das Bedürfnis, dass man mit seinem wertvollen Geld etwas Wertvolles kauft. Und Dinge von Wert gibt es im Übermaß – und vorrangig in der Vergangenheit. Und seltsame Dinge passieren. Diese Menschen kaufen wieder Schallplatten, haben aber auch einen Spotify-Account. Und sie haben sich eine alte Spiegelreflexkamera gekauft und laufen nun regelmäßig in ein Fotofachgeschäft, um Filme entwickeln zu lassen, Abzüge abzuholen und neue Filme zu kaufen. Dieselben Menschen haben aber Tausende Bilder auf ihrem Handy.

Und wenn man diese beiden Welten genau betrachtet, dann erkennt man ein Muster. Über 100 Millionen Titel auf Spotify machen Musik beliebig und wertlos. Darum wieder Schallplatten. Denn diese stellen einen Wert dar. Eine Platte aufzulegen, spiegelt eine ganz andere Wertschätzung der Musik und des Künstlers wider. Die Schallplatte ist nicht beliebig. Und darum auch eine Spiegelreflexkamera – obwohl man über 50.000 Bilder auf dem Handy hat. Gerade deshalb. Diese Bilder sind nur da, aber stellen keinen emotionalen Wert dar. 

Man schaut selten zurück ins Handy. Darum der 36-Foto-Film. Diese Fotos haben wieder einen Wert, weil sie nicht beliebig sind. Man kann sie anfassen, anschauen und herumreichen. In ein Album kleben oder einfach in den typischen Fototaschen sammeln. Diese Bilder sind privat und nicht beliebig.

Und so geht es weiter. In der Mode, bei Möbeln, bis hin zu HiFi, zur Espressomaschine und Rennrädern aus den 60ern. Alte Radiowecker. Braun Audio 310. Armbanduhren aus den 80ern. Es gibt eigentlich nichts, was nicht wieder begehrt wird. Sogar die Polaroid-Kamera.

Es entsteht offensichtlich ein emotionales Vakuum, in dem auf der einen Seite alles im Überfluss, massenhaft und billig wird. Mit dem Streaming von Serien und Filmen ist es dasselbe. Es gibt unendlich viele Staffeln und Anbieter, sodass der Wert eines Films in Vergessenheit gerät. Was eigentlich eine Chance für die Kinos wäre. Aber die wollen nur die Vergangenheit zurück und hoffen. Sie haben nie darüber nachgedacht, wie Kino sein müsste, um genau diese Menschen zu adressieren. Um ihnen den emotionalen Wert des Filmschauens zurückzugeben.

Mit Blick auf die Entwicklung entstehen da zwei rasant wachsende Märkte, die aber einen signifikanten Unterschied haben: Der eine ist nicht skalierbar, was ihn so wertvoll macht. Und der andere ist unendlich skalierbar, was ihn so wertlos macht. Somit kann man bei der Entwicklung gespannt sein, was aus der Vergangenheit alles noch eine Renaissance erleben wird. Das Bonanza-Fahrrad, das Moped, die Diskothek, das Wohnmobil, die Skier der 70er, das Windsurfen, das Spaghetti-Eis, der Flipper, das Freibad, der Plattenladen, die Hollywoodschaukel, die Taubenzucht, der Pudel, das Schiposa und der Fokuhila …?

Solange damit keine alten Rollenbilder, Klischees und Vorurteile zurückkommen, finde ich das ganz amüsant und interessant.

Gedanke

Das selbstständige Denken verschwindet, wie der Morgennebel im Herbst. Das aufwendige Nachdenken. Das schöne Ausdenken. Das anstrengende Überdenken. Es begann eigentlich für meine Generation mit dem Taschenrechner. Das war der Zeitpunkt, da musste man nicht mehr nachdenken, was dabei rauskommt beim Rechnen. Der Taschenrechner hat es uns abgenommen. Was haben wir den gefeiert. Schlagen wir die Brücke zu heute, dann ist mit KI die letzte Bastion des selbstständigen Denkens gefallen.

Eigentlich müssen wir in absehbarer Zeit nichts mehr bedenken. Dann gibt es unzählige Möglichkeiten, andere und anderes für uns denken zu lassen. Der Taschenrechner für das Denken ist dann da. War das Denken denn so schwer, dass man es abschaffen musste? Rechnen war nur kompliziert und man hat es ersetzt. Was hat das zur Folge? Fragen wir mal nicht die KI oder jemand anderen. Denken wir mal selbst darüber nach, was es bedeuten könnte, wenn man nicht mehr denken muss.

Das allgemeine Denken verschwindet aus der peripheren Wahrnehmung. Niemand fragt mehr nach. Niemand blättert mehr in Büchern, um etwas zu erfahren. Niemand probiert mehr etwas aus, weil man schon weiß, wie es ausgeht. Einige ganz wenige Lücken bleiben aber noch. Wir wissen nie genau, was uns im Leben alles so begegnet. Oder wie alt wir werden. Wie glücklich. Und wie zufrieden. Die Lottozahlen wissen wir auch nicht. Alles, was großes Glück und unendliches Pech betrifft, bleibt weitestgehend im Verborgenen. Aber da hat Denken uns nie groß zur Seite gestanden.

Wenn Denken wie ein Muskel ist oder wie Ausdauer und man das Denken nicht mehr ausübt und trainiert, passiert dann mit dem Gehirn das, was mit der Kondition und den Muskeln passiert? Verlernen wir das Denken? Was denkt jemand Tag ein und Tag aus, wenn er nicht mehr selbstständig denkt? Was beschäftigt seine Gedanken? Und was nicht?

Was passiert mit einer Gesellschaft, die kollektiv nichts mehr denken muss, weil 24 Stunden einem das abgenommen wird? Und man wie im Wachkoma mit unterschiedlichen Reizen versorgt wird. Auf allen Bildschirmen gibt es dann Emotionen, Gefühle und auch Denken zum Miterleben. Man braucht nichts mehr und niemanden mehr. Man kommt nicht mal mehr auf falsche Gedanken. Aber leider auch selbstständig auf keinen guten. Wir schauen anderen nur noch beim Denken zu. Wie bei einer Kochsendung. Wie beim Sport im Fernsehen.

Wenn anderes und andere für uns denken, was denken die dann für uns? Welche Qualität hat das neue Denken? Denkt das neue Denken nur, was gut für uns ist? Denken die das wirklich? Wenn alle Liebesgeschichten nicht mehr in der wirklichen Welt ablaufen, sondern nur noch in virtuellen Welten. Wenn man in jedem Konzert und jedem Stadion sitzen kann, ohne da zu sein. Wenn wir an nichts mehr denken müssen, aber an alles gedacht wird.

Wenn man an jedem Strand, auf jeder Insel und jedem Ort der Welt sein kann, ohne da zu sein. Wenn alle Abenteuer, alle Geschichten, alle Erlebnisse nur noch von anderen vorgelebt werden. Man sich nie mehr in Gefahr begibt. Wenn das Individuum nur noch konsumiert. Nichts mehr studiert. Rückblickend bin ich der Überzeugung, dass alles, was Convenience war und ist, zwar oberflächlich das Leben leichter gemacht hat, aber dass immer etwas Wesentliches weggefallen ist. Verloren gegangen ist. Wer beim Sport es sich immer so leicht wie möglich macht – was erzielt er dann?

Das Lesen und das Schreiben zum Beispiel. Weil Kinder niemanden mehr lesen und schreiben sehen, verkümmern diese Fähigkeiten. Viele Heranwachsende und junge Erwachsene können erschreckend schlecht lesen und schreiben. Nicht, weil sie dumm sind. Nicht wegen des Bildungssystems. 

Sondern weil der Convenience-Faktor Lesen und Schreiben aus dem peripheren Umfeld hat verschwinden lassen. Was Kinder nicht mehr sehen, das ist für sie nicht mehr wichtig. Früher wurde von morgens bis abends überall gelesen und geschrieben. Heute schauen alle Bildschirme. Das ist nicht Lesen und Schreiben. Wenn man das Beispiel auf alle Entwicklungen überträgt, dann können Menschen alles unglaublich einfach konsumieren. Aber sie können nichts mehr machen. Ist das gut oder ist das schlecht? Kochen? Man kann alles bestellen. Dafür kocht kaum noch jemand in den Ballungsgebieten. Aber verschwindet das Kochen – was kommt dann? Und so verhält es sich mit allem. Wenn alles Denken verschwindet, was kann man dann noch? Was muss man noch können?

Bin ich zu pessimistisch? Verharre ich zu sehr in der Vergangenheit? Bin ich jetzt zu alt? Warum reißt die Entwicklung mich nicht vom Hocker – wie früher? Warum empfinde ich Innovationen, welche die Welt verändern, als sonderbar? Der Eingriff in das soziale Ökosystem Mensch hatte schon viele hässliche Nebenwirkungen. Das Motorradfahren als Symbol für den Rebellen in einem hat viele Leben gekostet. Die Zigarette als Synonym für persönliche Freiheit hat ebenfalls unzählige Leben auf dem Gewissen. Feinstaub. Plastik. Alkohol. Die Errungenschaften der Menschheit waren nie ohne Folgen. Denken wir nur an die praktische Plastiktüte.

Der Fernseher. Das Internet. Das Internet ist in unseren Köpfen angetreten als das monumentale Werkzeug für vollendete Freiheit. Das Internet fühlte sich an wie Motorradfahren – rebellisch – und Zigaretten rauchen – die persönliche Freiheit. Wir waren betrunken von dem Gedanken, dass jeder Gedanke von allen aufgenommen werden kann.

Die Demokratie wird sich jetzt wie ein Lauffeuer verbreiten. Weil alle die unglaublichen Vorteile einer freiheitlichen Lebensweise sehen und lesen können. Jede Diktatur kann diese Informationen nicht mehr seinen Bürgern vorenthalten – dachten wir. So einfach sollte es ab nun an gehen.

Und dann das. Rückblickend werden wir die sozialen Medien sehen wie Autofahren ohne Gurt, wie Rauchen und Alkohol für Kinder. Wir werden fassungslos zurückblicken und uns fragen: Wie konnten wir das nicht erkennen? Nur zur Info: Es mussten auch erst über 20.000 Menschen im deutschen Straßenverkehr jährlich, bei nur einem Drittel so vielen Autos wie heute, sterben, bis jemand auf den Gedanken kam, einen Gurt einzubauen.

Wir sind im Vorausdenken offensichtlich nicht gut. Wir sind so fasziniert von einer vermeintlich einfachen Lösung, dass wir völlig aus dem Blick verlieren, dass Convenience Food und Fast Food etwas Existenzielles fehlt – Nährwerte. Und was mich wirklich verwundert, ist der Umstand, dass wir um das alles wissen und es trotzdem weiter machen. Wir bevorzugen alles, was keine Überwindung kostet, was einfacher geht. Und verzichten dafür liebend gerne auf das, worum es eigentlich geht. Schon verrückt.

Somit werde ich die Entwicklung der KI nicht aufhalten. Will ich auch nicht. Weil ich die Vorzüge schon jetzt nicht mehr missen will. Aber was werden die Folgen sein, wenn die Menschen kollektiv nicht mehr imstande und in der Lage sind, selbstständig zu denken? Weil aus allen Richtungen einem Antworten geliefert werden.

Wenn man genau hinschaut, kann man erahnen, was kommt. Wenn man genau hinhört auch. Mir machen Menschen, die nicht mehr selbstständig in der Lage sind, zu rechnen, zu schreiben, zu lesen und zu denken, Angst. Denn mein Denken hat ein mächtiges Werkzeug hervorgebracht: den berechtigten Zweifel.