9. Was wird aus meiner Sicht heute überschätzt  und was unterschätzt?

Der Sinn von wirtschaftlichem Wachstum als einziges Ziel wird überschätzt. In der Vergangenheit kann das sinnvoll gewesen sein. Weil Wachstum auch gleichbedeutend mit Entwicklung war.
Aber wenn alles Wesentliche gewachsen ist, dann bedeutet weiteres Wachstum immer Verdrängung. Immer auf Kosten anderer und anderem. Mit allen Mitteln, um jeden Preis. Bis hin zur Ausbeutung. Und unwiderruflichen Schädigungen. Diese ewigen Wachstumsprognosen, die alles legitimieren und rechtfertigen. Wir müssen gnadenlos wachsen, weil wir nur damit die immer steigenden Ansprüche und Anforderungen erfüllen können. Alternativlos. Man hat die Idee von Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft nicht intellektuell weiterentwickelt. Man hat nichts Sinnvolles der Idee vom Wachstum folgen lassen.

Das ist bei Weitem keine philosophische Frage, sondern eine sehr wissenschaftliche. Ich finde, dass die Idee vom Wachstum immer mehr maßlos überschätzt und überholt ist. Im Gegensatz dazu sind alle anderen Aspekte unterschätzt. Auf der Strecke geblieben. Die schiere Habgier hat alles andere gefressen. Ganz vorne steht die Kultur. Nicht ohne Grund spricht man rückblickend von Hochkulturen. Welche den Zeitraum beschreiben, in dem der kulturelle Output einer Epoche am größten war. Weil es Wohlstand gab. Hat Kultur zu Wohlstand geführt oder Wohlstand zu Kultur? 

Die Qualität einer Kultur beschreibt, wie entwickelt eine Gesellschaft war. Deshalb wird die Kultur als höchster Maßstab einer Gesellschaft oder eines Unternehmens stark unterschätzt. Was als Erstes immer dem Rotstift in einer Gesellschaft in der Krise zum Opfer fällt, ist die Kultur. Was immer das Ende einer Hochkultur beschreibt. So ist es allen Hochkulturen ergangen. Ihnen folgte der tiefe Fall.

Warum?

Somit ist der alternativlose Glaube an Wachstum, das alle zufrieden macht, aus meiner Sicht überschätzt und überholt. Dieses Wachstum hat nur den Sinn, eine Kultur zu erschaffen. Und wie beschrieben, ist die Kultur der Bereich, der aus meiner Sicht am meisten unterschätzt wird. Auch in Unternehmen. Das Erste, wofür immer kein Geld mehr da ist, ist alles, was kulturprägend ist. Die Kultur einer Marke zum Beispiel wird vom Marketing bestimmt. Kein Marketing bedeutet erst den Verfall der Kultur, dann den Verfall der Marke.

Rückblickend scheint unsere Hochkultur in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gewesen zu sein. Welche in den 30ern und 40ern unterbrochen wurde und somit ihre letzten Kapitel in den 80ern und 90ern aufgeschlagen hat. Kultur zu unterschätzen bedeutet, ihre Bedeutung aus den Augen zu verlieren. Warum etwas so ist, wie es ist. Wenn Aspekte bedeutungslos werden, dann schwindet das Interesse. Kultur gibt Bedeutung. Wirtschaft nicht. Wirtschaft ermöglicht Bedeutung durch Kultur.